Physikumsprüferschulung

Physikumsprüferschulung

Deutschlandweites Pilotprojekt: mündliche Physikums-Prüferschulung

Vor knapp zwei Wochen, am 4. und 5. November, saßen Physiologen, Biochemiker, Anatomen, Psychologen, Klinker und Studierende in einem Raum.
Ungewohnt mit den Dozenten gemeinsam auf die Schulbank zu drücken als frontal von ihnen unterrichtet zu werden.

Wir hatten alle keine genauen Vorstellungen, was uns in diesem Workshop erwarten würde. Die einzige Aufgabe bestand darin eine 15-minütige Prüfung vorzubereiten.

Um die unkreative Morgenmüdigkeit zu überbrücken, gab es vormittags an beiden Tagen Input mittels Vorträge über Prüfungsqualität, Rechtliches, Strukturierung einer mündlichen Prüfung oder Vorschläge, wie man seine Bewertungsmaßstäbe planen könne von den beiden externen Dozenten der LMU München: Herr Dr. Bauer und Frau Dr. Abele.
Vor dem Mittagessen ging es beide Tage noch einmal in Zweiergruppen oder Einzelarbeit. Das Gelernte sollte auf die eigenen Prüfungen angewandt werden.
Wir diskutierten über die Prüfungsziele des mündlichen Physikums und allgemein mündlichen Prüfungen. Ziel sollte es sein, nicht nur Faktenwissen zu prüfen, sondern „in der Pyramide eine Stufe höher zu gehen“. Gerade das Physikum ist eine Hürde im Medizinstudium, die prüfen sollte, wer die Kompetenz mitbringt, im Klinischen Abschnitt weiter zu studieren. „Patientensicherheit“, der Begriff viel häufig, denn letztlich wollen wir alle Ärzte werden, die die Patienten später adäquat untersuchen und behandeln können.

Interessant wurde es dann an den Nachmittagen. Jeder bekam die Gelegenheit Prüfer zu sein und jeder konnte sich (auch komplett fachfremd) einmal prüfen lassen.
Hinterher wurden die Prüfungsgruppen ausgewertet. Jeder gab ein ehrliches Feedback. Neben viel Lob wurden auch einige Verbesserungsvorschläge eingebracht, die dankend angenommen wurden.

Habt ihr euch schon einmal vorgestellt, was für euch ein typischer „Borderline-Student“ ist? Ein Kommilitone, der auf der Grenze zwischen Bestehen und Nichtbestehen balanciert?
Ich persönlich habe für mich mitgenommen, dass es das Bewerten einer Prüfung wesentlich einfach machen kann, wenn man so einen Grenzfall vor Augen hat. Denn dann kann ich den Prüfling vor mir einsortieren und feststellen, ob er besser oder schlechter als meine Vorstellung ist.
Mündliche Prüfungen werden nie komplett objektiv sein, sonst müsste man Menschlichkeit und Empathie ausblenden können. Aber bei einem mündlichen Gespräch herrscht immer eine Beziehung zwischen Prüfer und Prüfling. Der eine bevorzugt das Pokerface, die nächste hilft, nickt und bestätigt zu viel.
Lange haben wir darüber diskutiert und sind auch zu keinem Goldstandard gekommen(, außer, dass man diese Beziehung nicht vergessen sollte). Ein guter Mittelweg wäre anzustreben, aber letztlich ist eine klare Kommunikation zu Beginn der Prüfung hilfreich, der Rest folgt mit der Erfahrung.

Der Versuch am Ende dieser spannenden zwei Tage wird mir noch lange in Erinnerung bleiben: Die Anatomin Frau Abele lässt sich von Herrn Dr. Haas 15 Minuten lang wie im mündlichen Physikum prüfen.
Für sich selbst legt sie vor Beginn geheim eine Note fest, die sie gern erreichen will.
Herr Dr. Büchse und Herr Dr. Kirschstein übernehmen die anderen beiden Prüfungsplätze, auch wenn sie nur lauschen und selbst keine Fragen stellen.
Am Ende der Prüfung durfte jeder im Raum, Kliniker, Anatomen, Physiologen, Psychologen und Studierende, geheim eine Note aufschreiben. Auch die Prüfungskommission bildet sich erst jeder für sich eine Meinung und stimmt sich dann draußen ab, um eine Note festzulegen.
Auch Frau Dr. Abele geht noch einmal in sich, welche Note sie sich geben würde.

Am Ende hängen wir alle Ergebnisse an die Pinnwand.
Und: etwa gleich viele Dreien wie Vieren wurden verteilt, wobei die Drei mit Tendenz zur Vier und die Vier mit Tendenz zur Drei vergeben wurde. Auch der Prüfling hatte auf eine Drei geschauspielert und hätte sich diese Bewertung auch gegeben.
Die einzige Zwei kam aus der Biochemie. Herr Dr. Büchse: „Ich bin von jeder anatomischen Leistung beeindruckt. Das klingt alles so schlau.“

Die abschließenden Worte nach zwei lehrreichen Tagen von Herrn Dr. Bauer bleiben uns wahrscheinlich alle noch lange in den Ohren: „So eine einheitliche Meinung bei der Vergabe einer Prüfungsleistung hatte ich nicht erwartet. Aber das ist gut für Rostock. Ganz ehrlich? In Rostock wäre ich gern geprüft worden!“